Die 4 Faktoren gesundheitsfördernder Arbeit

Ich bekomme keine Magengeschwüre. Ich verursache welche.

Geprägt wurde dieser Ausspruch durch einen Oberarzt an einem Krankenhaus, an dem ich gearbeitet habe. Hat mich diese Äußerung damals noch zum Schmunzeln gebracht, weiß ich heute, dass dies der Ausdruck von Unsicherheit war, wie er mit Konflikten oder anderen Führungsaufgaben umgehen sollte. Und auch heute verstehen viele Vorgesetzte unter Führung immer noch, lediglich den Druck weiterzugeben, unter dem sie selber stehen.
Aber warum könnten Vorgesetzte überhaupt ein Interesse daran haben, sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu kümmern?
Zum einen stellen kranke Mitarbeiter einen nicht unerheblichen Kostenfaktor dar (Lohnfortzahlung trotz nicht erbrachter Arbeitsleistung; Kosten, um „Ersatz“ zu beschaffen; entgangene Einnahmen; unzufriedene Kunden; … Die Liste lässt sich noch um ein Vielfaches ergänzen), zum anderen sind gesunde Mitarbeiter motivierter und leistungsfähiger.
Hinzu kommt in den Pflegeberufen ein Mangel an Fachkräften, der es notwendig macht, sich als Arbeitgeber im Wettbewerb um Fachkräfte gut zu positionieren bzw. die Pflegekräfte, die sich bereits im Unternehmen befinden, an sich zu binden und gesund zu erhalten. Und Mitarbeiter bleiben nur bei Ihnen, wenn Sie sich wohl fühlen. Außerdem sind zufriedene Mitarbeiter Ihre beste Werbestrategie, wenn es darum geht, neue Pflegekräfte zu gewinnen.
Auf Grund dieser Situation ist es erforderlich, Gesundheitsförderung als Bestandteil der betrieblichen Philosophie und Praxis zu implementieren und sicherzustellen. An dieser Stelle spielen die Vorgesetzten eine wichtige Rolle. Dies trifft besonders auf die Führungskräfte im „Mittleren Management“ zu, da hier ein direkter und intensiver Kontakt zu den Mitarbeitern existiert. Zu nennen sind hier z.B. Stationsleitungen oder auch Bereichsleitungen.
Die Auswirkungen organisationaler Gegebenheiten, wie z.B. dem Führungsverhalten, auf die Gesundheit von Angestellten sind hinreichend belegt.
Anhand des Konzeptes der Salutogenese, entwickelt von dem Soziologen Aaron Antonovsky, lassen sich Bedingungen ableiten, die förderlich auf die Gesundheit von Mitarbeitern einwirken.

Das Konzept der Salutogenese

Antonovsky hat Gesundheit nicht einfach nur als die Abwesenheit von Krankheit verstanden, sondern ging von einem „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“ aus. Der Mensch „pendelt“ also zwischen den beiden Polen Gesundheit und Krankheit. Antonovsky war bestrebt herauszufinden, was eine Bewegung hin zum gesunden Pol dieses Kontinuums veranlasst.
Den bestimmenden Faktor für diese Bewegung bzw. die jeweilige Position auf diesem Kontinuum nannte er „Sense of Coherence“ (SOC).
Im Deutschen finden sich als Übersetzung sowohl „Kohärenzsinn“ als auch „Kohärenzgefühl“. An beiden Übersetzungen wird je nach Verständnis Kritik geübt. Ohne darauf an dieser Stelle näher einzugehen, kann jedoch festgestellt werden, dass beide Begriffe dasselbe meinen. Nämlich den SOC. Daher werde ich der Klarheit halber den englischen Originalbegriff bzw. dessen Abkürzung verwenden.
Der SOC setzt sich aus drei „Bestandteilen“ zusammen:
Verstehbarkeit
Verstehe ich, was mir und um mich herum geschieht?
Handhabbarkeit
Verfüge ich über die Ressourcen, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen?
Bedeutsamkeit
Kann ich in dem, was mir begegnet, einen tieferen Sinn, eine tiefere Bedeutung, für mich finden?
Diese drei Komponenten sind untereinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Zur Erläuterung:
Wenn ich an einer schwerwiegenden Krankheit leide und über einen stark ausgeprägten SOC verfüge, …
– … kann ich kognitiv erfassen, was mit mir geschieht (Was macht der Tumor mit mir? Wie beeinflusst er meine Organfunktionen?).
– … verfüge ich über die Fähigkeiten und Ressourcen, der Krankheit die entsprechenden Maßnahmen entgegenzusetzen (Ich weiß, wie ich mich über beeinflussende Faktoren informiere, z.B. Ernährung. Ich habe eine Familie, die mich unterstützt.)
– … kann ich der Situation eine tiefere Bedeutung abgewinnen (Wir rücken als Familie enger zusammen. Ich nehme die Krankheit als Hinweis darauf war, was wirklich „im Leben zählt“.)
Der Zusammenhang zwischen den drei Bestandteilen wird relativ schnell deutlich, wenn man sich folgende Situation vorstellt:
Ich arbeite in einem Betrieb, in dem ich mich ausgenutzt fühle. Jeden Tag werden Überstunden erwartet, der Chef brüllt jeden an und im Team herrscht auch keine Kollegialität, da von Vorgesetzten die Mitarbeiter untereinander ausgespielt werden.
Ich befinde mich in der Situation der „Inneren Kündigung“ und identifiziere mich schon lange nicht mehr mit meinem Arbeitsplatz. Mir fehlt es an Bedeutsamkeit.
Erhalte ich nun eine Aufgabe, die ich erledigen soll, ich aber nicht über das notwendige Fachwissen verfüge, werde ich mir nicht viel Mühe geben, mich in das neue Arbeitsfeld einzuarbeiten. Warum auch? Es wird sowieso nicht wertgeschätzt. Außerdem werden die Kollegen mir auch nicht helfen, sondern mich eher boykottieren. Es fehlt mir also an Handhabbarkeit.
Abgesehen von einer baldigen Kündigung, werde ich auch nichts an dieser Situation ändern. Ich werde mir daher auch keine Verstehbarkeit erarbeiten.

Die 4 Faktoren gesundheitsfördernder Arbeit

Dawn (Willis) Manser - Team (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Dawn (Willis) Manser – Team (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Aus diesem Verständnis heraus lassen sich nun folgende Faktoren ableiten, die eine salutogene, also gesundheitsfördernde Arbeitsumgebung ermöglichen:
1. Partizipation
Ermöglichen Sie Ihren Mitarbeitern, im Rahmen ihres Aufgabenbereichs mitzubestimmen.
2. Belastungsbalance
Stellen Sie Anforderungen an Ihre Mitarbeiter, die sie bewältigen können. Aufgaben sollen herausfordernd, aber nicht überfordernd sein. Selbiges gilt übrigens auch für Unterforderung!
3. Gemeinsame Werte und Überzeugungen
Schaffen Sie ein eindeutiges Wertesystem, stellen Sie eindeutige Erwartungen an Ihre Mitarbeiter und ermöglichen Sie Ihren Mitarbeitern, sich mit „ihrem“ Team, „ihrem“ Unternehmen zu identifizieren.
4. Schaffen Sie ein Team
… und keine Arbeitsgruppe. Kollegen können sich gegenseitig unterstützen und kommen gemeinsam zu besseren Ergebnissen. Mitarbeiter, die sich untereinander verstehen, haben weniger Konflikte, arbeiten produktiver und sind insgesamt gesünder.

Ihre Rolle als Vorgesetzter

Wie können Sie als Vorgesetzter dazu beitragen?
• Vertrauen schaffen
Können Sie Ihre Mitarbeiter auf Sie verlassen? Halten Sie Ihr Wort?
• Fördern sie soziale Netzwerke
Lassen Sie es zu, dass sich Ihre Mitarbeiter auch außerhalb der regulären Pause mal am Kaffeeautomaten treffen? Oder sehen Sie da sofort eine nichterbrachte Arbeitsleistung?
• Schaffen sie Identifikationsmöglichkeiten
Haben Sie ein Leitbild in Ihrem Unternehmen? Hängt dies nur an der Wand oder leben Sie als Vorgesetzter dies auch vor?
• Formulieren Sie Wertschätzung und Anerkennung
Wann haben Sie das letzte Mal gelobt? Einfach nur so.
• Suchen Sie den persönlichen Dialog mit Ihren Mitarbeitern
Interessieren Sie sich für Ihre Mitarbeiter oder sprechen Sie nur mit diesen, wenn Sie Aufgaben zu verteilen haben?
• Stärken Sie die Teilhabe Ihrer Mitarbeiter
Können Ihre Mitarbeiter Ihr Fachwissen in Entscheidungen mit einbringen oder sind Sie der Alleinherrscher in Ihrer Abteilung?
• Fördern Sie Qualifikationen
Wann haben Sie das letzte Mal eine Fortbildung genehmigt? Wissenserweiterung dient nicht nur dazu, sich vor der üblichen Arbeit zu drücken.
• Unterstützen Sie eine angemessene Work-Life-Balance
Sie gehen immer erst nach 20.00 Uhr nach Hause? Erwarten Sie das nicht von Ihren Mitarbeitern. Das ist weder deren Aufgabe noch werden diese dafür entsprechend bezahlt.

Wie ist Ihr Führungsstil?
Sind Sie ein Magengeschwürverursacher oder ein Gesundheitsförderer?
Diskutieren Sie mit über Führung und die Auswirkungen von Führung.

Eigenes Bild

Eigenes Bild

Beitragsbild: Horia Varlan – Kinder surprise working gnomes against white background (Lizenz: CC BY 2.0)

Philipp Tessin

Ich bin seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig und passionierter Läufer. Da viele Parallelen zwischen Ausdauersport und Führung existieren, verbinde ich diese beiden Themen und gebe mein Wissen als Führungskraft und als Läufer in diesem Blog weiter.

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