Die Anderen

Dieser Satz stammt von meiner ehemaligen Chefin und prägt mein Handeln noch bis heute.

In diesem Satz steckt für mich eine komplette Grundhaltung gegenüber anderen Menschen. Und trifft für mich nicht nur auf das Arbeitsleben zu, sondern ganz auch für alle anderen Lebensbereiche Anwendung finden.

Aber was bedeutet dieser Satz eigentlich?

Der andere gibt sein Bestes!

Es gibt den Führungsgrundsatz, dass es nicht meine Aufgabe ist, andere zu motivieren, sondern dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht demotiviert werden. Wenn ich mich recht entsinne, stammt dies von Reinhard Sprenger.

Für eine Führungskraft bedeutet dies, dass ich davon ausgehen, dass der andere erst mal sein ganzes Wissen und sein ganzes Engagement in seine Arbeit steckt. Schauen wir uns als Beispiel die Pflegeberufe an. Junge Menschen gehen voller Elan und mit Begeisterung nach der Schule in die Ausbildung, um einen Beruf in der Pflege zu erlernen. Grundsätzlich ist die Motivation, in die Pflege zu gehen, dass ich anderen Menschen (kranken Menschen in der Regel), helfen möchte.

Sie wollen die Welt retten!

Binnen kürzester Zeit schaffen wir es, diese jungen Menschen zu demotivieren und ihnen ihren Idealismus zu rauben. Gründe gibt es viele (u.a. mangelhafte Finanzierung der Pflege mit den bekannten Folgen, mangelhafte Führungskultur usw.). Wir sprechen bereits von Auszubildenden mit Burnout!

Solange wir aber auf Menschen treffen, die diese Anfangsbegeisterung noch in sich tragen, sollten wir davon ausgehen, dass sie ihr Bestes geben.

Der Hype um die Generation Y (und inzwischen Generation Z) hat inzwischen etwas abgenommen. Neben überhöhten Erwartungen (alle gut ausgebildete Digital Natives, denen das komplette Wissen unserer Generation zur Verfügung steht) treffe ich immer wieder auf Vorbehalte gegenüber der jüngeren Generation. Was tatsächlich zutrifft (da bestätigt mich neben der Theorie auch meine berufliche Erfahrung), ist ein bestehender Wertewandel. Die jungen Menschen leben nicht mehr für ihre Arbeit (so wie noch weite Teile meiner Generation und davor), sondern arbeiten um zu leben. Übrigens bestehen hier auch durchaus Ausnahmen, die gar nicht so selten sind.

Dieser veränderte Arbeitsethos wird leider häufig mit Faulheit verwechselt. Allerdings halte ich es für schlichtweg vernünftig, nicht krank zur Arbeit zu erscheinen oder nicht mehr klaglos unendlich viele Überstunden abzuleisten. Und es gibt Studien zur Motivationslage von Auszubildenden. Diese besagen ganz klar, dass die Pflegeberufe immer noch die im Job haben, die sich am ehesten mit dem Begriff des „Helfersyndroms“ beschreiben lassen. In anderen Jobs sind Werte wie Beruflicher Aufstieg und Finanzielle Vergütung deutlich ausgeprägter.

Also: geht davon aus, dass andere von Anfang an, das gibt, was er kann. Und versucht diese Motivation nicht zu zerstören, sondern zu erhalten. Dann werdet ihr auch in Zukunft motivierte und gesunde Mitarbeiter haben.

Der andere ist der Beste für die Arbeit

Egal ob Du oder jemand anders die Person angestellt hat, mit der Du jetzt zusammen arbeitest.

Egal ob es der Chef, ein Kollege oder ein Mitarbeiter von Dir ist.

Es gibt niemanden, der Besser für den Job ist, als eben diese Person!

Woher ich das weiß?

Na, wenn jemand besseres für den Job zur Verfügung gestanden hätte, dann wäre der doch eingestellt worden!

Wenn ich mir das vor Augen halte, kann mich das extrem entspannen. Denn meine Haltung zu der jeweiligen Person verändert sich unter Umständen.

Aus „Der ist doch ein Idiot! Der will mir böses!“ wird ein „Was sind die Gründe dafür, dass er sich so verhält?“

In der Regel gibt es einen vernünftigen Grund dafür, dass der andere sich so verhält, wie er sich eben verhält. Vernünftig heißt nicht unbedingt, dass dies für mich richtig oder nachvollziehbar ist, sondern dass dies meinem Gegenüber vernünftig erscheint. Und diese Motivlage gilt es zu ergünden.

Natürlich ist nicht immer alles rosa und mit Glitzer obendrauf. Natürlich haben wir uns nicht immer alle lieb und tuen dem anderen nur Gutes.

Selbstverständlich gibt es Idioten, Arschlöcher und wirklich bösartige Menschen da draußen!

Aber die sind meiner Erfahrung nach extrem selten. Und wenn ich davon ausgehe, dass der andere rationale Gründe für sein Verhalten hat, kann ich mich hinsetzen und versuchen, diese zu verstehen. Und wenn ich die Motivlage meines Gegenübers verstanden habe, ergeben sich auch für mich neue Handlungsoptionen.

Zum einen kann ich einsehen, dass der andere unter Umständen sogar Recht hat und meine eigene Meinung ändern.

Oder ich kann die Gründe verstehen, warum der andere so handelt, wie er handelt und ihm daraufhin meine Gründe und meine Ziele vermitteln. Daraus kann sich dann ein Kompromiss ergeben oder ich überzeuge sogar den anderen.

Die Menschen sind gut

Kennt Ihr diese Mitmenschen? Die, die davon ausgehen, dass andere ihnen immer nur böses wollen?

Diese Menschen tun mir wirklich und aufrichtig leid. Was für eine schlimme Grundhaltung, so durch das Leben zu gehen.

Das oben beschriebene Konzept, davon auszugehen, dass der andere seinen Job gut macht, lässt sich auf Dein Privatleben übertragen bzw. ist vielleicht sogar von dort auf das Berufsleben erst übertragen worden.

Eigentlich auch egal.

Für mich ist es eine Lebenshaltung.

In der Regel gehe ich erstmal davon aus, dass der andere mir nichts übles will. Manchmal erscheint dadurch der Eindruck, ich bin etwas naiv. Im Gegensatz dazu ist es mit meiner Freundschaft aber auch schnell vorbei, wenn ich dahinter komme, dass man mich bewusst ausnutzt. Ich bin selten nachtragend, dann aber schon.

Diese Enttäuschungen sind allerdings extrem selten. Denn meiner Erfahrung nach, sind die meisten Menschen wirklich nicht schlecht und mein Einsatz kommt irgendwie auf die eine oder andere Art zurück (auch wenn das nicht meine Intention ist).

Deswegen:

Ich bin überzeugt, wer anderen positiv gegenübertritt, wird in der Regel ebensolche Erfahrungen machen.

Philipp Tessin

Ich bin seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig und passionierter Läufer. Da viele Parallelen zwischen Ausdauersport und Führung existieren, verbinde ich diese beiden Themen und gebe mein Wissen als Führungskraft und als Läufer in diesem Blog weiter.

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2 Replies to “Die Anderen”

  1. Vielen Dank für den Artikel – ein solches Menschenbild finde ich wichtig und gut. Aktuell arbeite ich mich durch das OPI-Konzept und dort heißt es:

    Zitat aus https://www.deutscher-kinderhospizverein.de/fileadmin/pdf/OPI_Konzept_2005.pdf; eine Grundannahme:

    1. Jeder Mitarbeiter will von sich aus gute Arbeit machen!

    Die gegenteilige Ausgangsannahme ist schlichtweg undenkbar:

    Es ist ein duftender, sonniger Morgen. Ich habe hat gut geschlafen. Ich stehe auf,
    strecke genüsslich meine Glieder und frage mich: „Was könnte ich heute Schönes
    tun?“ Wie ein Blitz durchfährt es mich: „Natürlich! Ich könnte schlechte Arbeit
    machen, was für eine wunderbare Idee!“

    Kurz zusammengefasst: https://www.deutscher-kinderhospizverein.de/der-verein/opi-konzept/

    Ich denke immer wiederholt, dass ich durch ein dem Menschen zugewandtes positives Bild die Menschen besser in ihren individuellen Stärken auch sehen gelernt habe.

    Sehr gut finde ich die Aussage zur Motivation – diese Sicht war für mich wieder eine Erweiterung.

  2. Hallo Herr Tessin, guter Artikel. Die Grundhaltung mit derm man durchs Leben geht ist entscheident. Diese
    Grundhaltung ist dafür verantwortlich wie ich auf mein Umfeld und andere Menschen wirkre. Aber auch dafür entscheident wie ich mit Situationen umgehe. MFG K.Teske

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