Laufend Führen: Qualität kommt von Quälen

Es ist schon ein paar Jahre her, da bin ich mit einer Laufgruppe, größtenteils ältere und erfahrenere Läufer als ich, unterwegs gewesen. Unter ihnen auch ein paar sehr erfolgreiche Ultraläufer.

Wir traben also durch das Sauerland mit ordentlich Höhenmetern und einer von ihnen äußerte an einem fiesen Anstieg den Satz:

Qualität kommt von Quälen!

„Du Idiot hast gut reden!“ schoss es mir durch den Kopf. Laut sagen hätte ich das sowieso nicht können. Dazu fehlte mir akut die Luft.

Heute sage ich: der Mann hatte recht!

Versteht mich nicht falsch. Es geht nicht darum, dass erfolgreiche Arbeit eine Qual sein muss oder keinen Spaß machen darf (solche Vorstellungen soll es ja auch geben).

Oder dass Lernen nur funktioniert, wenn es anstrengend ist.

Ganz und gar nicht!

Aber, wer sich verbessern will, muss sich Herausforderungen stellen, die ihn fordern. Diese Herausforderungen stellen eine gewisse Beanspruchung und Belastung dar, haben aber auch einen gewissen Trainingseffekt.

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Schauen wir auf das Lauftraining:

Laufanfänger starten langsam und über kurze Distanzen. Am Anfang komme ich schnell außer Atem, schaffe nur kurze Strecken, und diese mit hochrotem Kopf. Am nächsten Tag habe ich dann auch noch einen fiesen Muskelkater.

Mit der Zeit jedoch werde ich mit regelmäßigem Training besser. Ich schaffe längere Strecken. Werde schneller. Und habe mit zunehmenden Erfolg auch mehr Spaß an der Sache.

Als Faustregel gilt ich muss mindestens dreimal die Woche laufen, um einen Trainingseffekt zu haben, der mich auch tatsächlich besser werden lässt. Zweimal die Woche dient lediglich dem Erhalt des aktuellen Leistungsstandes (bzw. wenn ich ambitionierte Ziele habe, z.B. Marathon, erhalte ich damit auch nicht mehr einen Leistungsstand).

Eine weitere Faustregel besagt, dass ich mindestens ein Jahr benötige, biss sich der Bandapparat an die Laufbelastung gewöhnt hat. Effektiv mag ich recht schnell meine Kondition und Muskeln aufbauen, trotzdem werde ich keinen Marathon oder nur unter Schmerzen schaffen, da sich mein Körper noch nicht an die Belastung gewöhnt hat.

Zu einem effektiven Training gehört also eine gewisse körperliche Erschöpfung, aber auch angemessene Ruhepausen, damit mein Körper sich erholen kann und der Trainingseffekt überhaupt erst eintritt. Dazu gehört übrigens auch ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung.

Was hat das mit Führung zu tun?

Führung muss ebenfalls trainiert werden. Und Training findet, wie oben bereits geschildert, nur durch „Tun“ und durch die Wiederholung statt.

Wer Führen lernen will, muss also auch tatsächlich führen.

Und genauso wie ich nur bergauf am Berg besser werde, wenn ich diesen wiederholt rauflaufe, werde ich beim Führen nur besser, wenn ich wiederholt bestimmte Aufgaben erledige (z.B. Mitarbeitergespräche).

Dieses Tun ist gerade am Anfang ungewöhnlich. Manchmal weiß ich nicht, wie ich diese Aufgabe erledigen soll, oder ich finde diese Aufgabe unangenehm, oder habe schlicht und ergreifend keinen Spaß daran.

Wenn ich mich beim Laufen in unbekanntes Terrain bewege, gibt es verschiedene Möglichkeiten, das ich mich dort zurecht finde:

  • ich laufe mit jemandem, der sich auskennt
  • ich besorge mir eine Karte
  • ich riskiere es einfach, mich zu verlaufen und verlasse mich auf meinen Orientierungssinn

Das alles funktioniert auch bei der Führung:

  • ich suche mir einen Coach
  • ich beschaffe mir entsprechende Literatur
  • ich verlasse mich auf meine Erfahrung als Führungskraft

Je häufiger ich nach diesem Schema mich gewissen Aufgaben stelle, desto besser werde ich mit der Zeit.

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Und hier kommen wir wieder zum Thema „Quälen“.

Manche Aufgaben sind einfach anstrengend oder machen sogar Angst am Anfang. Aber nur wenn ich sie erledige, werde ich besser werden. Und dann werden diese Aufgaben auch irgendwann einfacher und mir weniger angsteinflößend.

Eine Gefahr als Führungskraft ist es, unangenehme Aufgaben zu delegieren.

Delegation ist wichtig und sinnvoll. Aber nur an der richtigen Stelle.

Delegiere keine Aufgaben, nur weil sie unangenehm sind.

Genau wie beim Laufen kann ich das Training auch nicht delegieren. Wenn ich nicht selber aufstehe und um den Block renne, werde ich weiterhin fett und untrainiert bleiben und alle anderen das Rennen gewinnen.

Im tatsächlichen wie auch im übertragenen Sinn des Wortes.

In diesem Sinne:

Get out and run!

 

Philipp Tessin

Ich bin seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig und passionierter Läufer. Da viele Parallelen zwischen Ausdauersport und Führung existieren, verbinde ich diese beiden Themen und gebe mein Wissen als Führungskraft und als Läufer in diesem Blog weiter.

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