Warum Minimalismus eine Luxusdiskussion ist

Wer mir bei Twitter oder auf Instagram folgt, oder wer mit mir bei Facebook oder auch im echten Leben befreundet ist, wird vermutlich festgestellt haben, dass mich aktuell das Thema Minimalismus umtreibt.

Nun gibt es vielerlei Definitionen von Minimalismus. Verband man bis vor wenigen Jahren eher eine Kunstform damit, beschreibt es heute für viele eine Art Lebensgefühl.

Und wie es bei Lebensgefühlen so ist, sind diese immer sehr individuell und kaum verallgemeinerbar. Als eine Art Konsens lässt sich vermutlich festhalten, dass Minimalisten alles weglassen, was unnötig ist und sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Für die einen bedeutet dies, im Van zu leben und konsequent auf alle kapitalistischen Anforderungen zu verzichten (auch auf Arbeit und ein geregeltes Einkommen).

Andere leben weiterhin auf 150qm, stellen sich aber nur einen stylischen Schwingsessel ins ansonsten leere Wohnzimmer, in dem sie sich nach ihrer 60 Stunden-Beraterwoche mit einem Glas stillem Wasser zurückziehen und meditieren.

Da ich mich gerade erst am Anfang bin, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, habe ich das getan, was die meisten meiner Generation machen: ich bin ins Internet gegangen und habe mich informiert. Ich bin auf Zero Waste-Gruppen gestoßen, deren Mitglieder im Jahr weniger als einen Müllsack nicht recycelbaren Abfalls produzieren. Ich habe vegane Blogs gefunden, die unter Minimalismus eine Art Selbstversorgerkonzept verstehen.

Und ich bin ganz häufig, gerade bei Facebook, auf Menschen gestoßen, die aus der Not eine Tugend gemacht haben. Menschen, die auf Grund einer sehr geringen Einkommens nur auf kleinstem Raum leben und sich mit wenig begnügen müssen.

Und ich bin zu der Einsicht gekommen, dass Minimalismus als Lebensstil eine Luxusdiskussion ist. Ein sogenanntes First-World-Problem.

Ich bin ein weißer Mann, Anfang 40, hetero, mit einem sehr guten Einkommen.

Kurz: ich bin maximal privilegiert. Privilegiertes geht es eigentlich kaum.

Ebenso wie viele meines Alters (manche etwas jünger, andere etwas älter), befinden wir uns zwischen zwei Generationen. Unsere Eltern, die Erfolg und Zufriedenheit meist mit Besitz und Einkommen verbunden haben. Und die jüngeren (Generation Y und Z), die mit diesen Inhalten wenig anfangen können und eher nur maximal so viel arbeiten, um entspannt zu leben.

Und meine Generation stellt gerade fest: hat ja beides irgendwie Charme!

Deswegen ist der Minimalismus meiner Generation eine absolute Luxusdiskussion.

Ich habe ein 130qm Haus (plus Keller, Dachboden und Garten) und werde darauf auch nicht verzichten. Aber ich trenne mich gerade von allem, was ich als Ballast empfinde.

So fliegt meine CD-Sammlung raus, aber Vinyl werde ich weiterhin behalten und auch neu kaufen.

Meine Bücher habe ich größtenteils verschenkt, aber schaue gerade trotzdem nach einem eBook-Reader.

Jahrelang ungetragene Hemden und Hosen sind in den Altkleidercontainer gewandert. Aber auf dem letzten Motorpsycho-Konzert habe ich mir natürlich ein Shirt (und auch die Tour-7“ in Gelb) gekauft.

Ich lehne den Kapitalismus ab, will aber trotzdem (natürlich sinnvoll und nachhaltig) konsumieren.

Wir sind die Generation „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“

Ich bin überzeugt, dass mir weniger Besitz und weniger Konsum gut tun wird (und meinem Konto, der Umwelt, meiner Zeit usw.).

Aber es ist halt auch Attitüde.

Hauptsache es bleibt nicht ausschließlich dabei.

Philipp Tessin

Ich bin seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig und passionierter Läufer. Da viele Parallelen zwischen Ausdauersport und Führung existieren, verbinde ich diese beiden Themen und gebe mein Wissen als Führungskraft und als Läufer in diesem Blog weiter.

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One Reply to “Warum Minimalismus eine Luxusdiskussion ist”

  1. Hallo Philipp,

    da bin ich voll und ganz bei dir. Nur wer zuviel besitzt, kann bewusst auf etwas verzichten. Minimalismus ist ein meinen Augen genau das, bewusster Verzicht auf Dinge die einem, im Grunde nicht wehtun.

    Gruß
    Sascha

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